Ein besonderer Tag #8mai/VictoryDay

Eigentlich läuft der heutige bzw. morgige Tag immer wieder Jahr für Jahr gleich ab.

Ich stehe morgens auf, rufe im Laufe des Tages in Russland meinen Opa an, sag einmal kurz “Danke für deinen Foo damals und so”, hör mir an wie wichtig Bildung ist und gebe dann den Hörer meinen Vater.

Dieses Jahr wird es wohl ein wenig anders sein. Dieses Jahr gibt es einfach fast niemanden mehr den ich an diesem Tag anrufen könnte.

Flag_of_the_St_George_Ribbon
Manche bezeichnen die beiden Tage heute als Tag der Befreiung, der Niederlage, des Sieges. Für viele ist das ein Feiertag.
Doch ähnlich wie ich jeden 27’sten Januar die Leningrader Blockadebürger anrufe und gratuliere ist es auch gleichzeitig ein Gedenktag den Menschen und vor allem auch den Angehörigen oder Kameraden, die man nie anrufen konnte.

Es ist jedenfalls in vielerlei Hinsicht ein besonderer Tag.
Insbesondere dieses Jahr ist es anders als gewohnt.

Nicht unbedingt, weil es immer weniger Zeitzeugen gibt, sondern dass man sich langsam bewusst wird, dass man einer Generation angehört, die sich der Leiden, der Tapferkeit und den geschichtlichen, politischen und sozialen Zusammenhängen nicht mehr bewusst ist.
Egal wie man den Tag heute bezeichnet, so wird dieser dennoch immer wieder aufs neue Instrumentalisiert. Kaum jemand stellt sich noch die Frage “Warum” ist heute eigentlich so ein besonderer Tag.

Jedenfalls ist es nun kein persönlicher Tag mehr.

Es reicht die Nachrichten, die Zeitung oder Twitter aufzuschlagen um sofort mit einer politisierten Flut an Ereignissen, Meinungen, Begriffen und Geschichtsrevisionen erschlagen zu werden.
Da weiß man selber nicht wo man Anfangen soll zu schreiben oder zu kommentieren.

Mal chronologisch betrachtet, gab es da die Diskussion über Antifa Fahnen. Da man genügend Freizeit hat, wird auch der Zusammenhang zwischen “rechts”, “links”, “Extremismus”, “Faschismus” etc. so lange durchgekaut bis die Definition in das eigene Kontext oder politische Bild passt. Zunehmend macht sich auch Geschichtsrevisionismus breit. Gleichzeitig wird auch über Symbolik diskutiert.

Das alles gab und gibt es auch in Russland. Es werden gern Begriffe wie “Heimat” oder “Patriotismus” auf die Probe gestellt. Kriegsgeschichte wird auf NKWD Truppen reduziert, die jeden und alles erschossen haben sollen der von der Front zu fliehen versucht hat oder eine Kartoffel zu viel gegessen hat. Jeder der was anderes Behauptet ist ein Stalinversteher und so weiter. Funktioniert nur nicht so gut, sofern da ein persönlicher Bezug zu steht und man Zeitzeugen hat, die man immer wieder persönlich fragen kann. Die alljährlichen Paraden am Roten Platz sind bloße Machtdemonstrationen und Veteranen als auch die Bürger des blockierten Leningrads sollten keine Gesellschaftlichen Vorzüge mehr genießen. Gleichzeitig wird über Symbolik Diskutiert.
Irgendwie gibt es Fakten, die werden Interpretiert und die Interpretation wird Diskutiert, woraufhin die Diskussion wieder Interpretiert wird. Dann verschwinden die Fakten im Schatten, man Blickt nicht durch und vergisst wieder worüber man geredet hat.

Bin eigentlich schon länger gewohnt zwischen den mehreren Welten zu leben, die sowohl sozial, als auch medial Eigenheiten und Geschichte haben und Fakten allein vom Wertesystem her anders aufgegriffen werden.

Doch plötzlich Kracht es. Aber so richtig. Schleichend und doch offensichtlich. Und das nicht irgendwo, sondern gerade mal 1-2 Grenzen weiter. Realer Faschismus und Nationalismus macht sich breit. Da werden teile eigener Bevölkerung als Terroristen Millitärisch verfolgt. Währenddessen Diskutiert man über Geschichtsrevisionismus, politische Strömungen, schmälert oder hebt gewisse Sachen vor. Gleichzeitig gibt es einen globalen Medialen Krieg. Ein Gebäude geht in Flammen auf, 40 Menschen kommen um. Manchen ist dabei ein Licht aufgegangen.
Gleichzeitig wird über Symbolik diskutiert.
Und das nicht irgendwie, sondern es wird wie jedes Jahr über die Abschaffung oder Umdeutung des morgigen Tages Diskutiert. Veteranen und jeden anderen der morgen ein Sankt-Georg Bändchen trägt oder bislang getragen hat werden als “Kartoffelkäfer” entmenschlicht bezeichnet.

Nun gehöre ich einer Generation, die den Weltkrieg nur aus dem Fernsehen und dem Schulunterricht kennen. Man redet viel über Ideologie und andere Begriffe, erlebt aber selten wie sich diese Äußern. Ganz schleichend machen sich rechte und Menschenverachtende Strömungen auf Stammtischen, in Behörden oder direkt in der Politik langsam Breit. Mal mehr, mal weniger. Mal offensichtlich, mal nicht. Je nach dem wie viele Menschen gerade bereit sind dem entgegenzutreten oder politisch gebildet genug sind rechte Strömungen als solche zu erkennen.

Egal ob man die Befreiung, die Niederlage, einen Sieg feiert, oder die Veteranen ihren Kameraden gedenken, so ist es heute nicht die bloße Erinnerung an eine Zeit, sondern ein klarer Denkzettel “Warum” dieser Tag heute besonders wichtig ist. Ein Denkzettel der einen daran erinnert wozu es führen kann, wenn man Menschenverachtende Moralvorstellungen schmälert oder gar ein Podium für gibt. Wenn Mitmenschen abgewertet werden. Wenn man wegschaut oder sich selbst keine Gedanken mehr macht. Wenn man weder Hinterfragt, noch zu differenzieren versucht.

Die nächste Generation wird definitiv nichts mehr zu feiern haben. Der persönliche Bezug wird da fehlen. Dann ist man wieder ganz anderen Kräften ausgeliefert. Dabei spielen von Bildung und Politik bis zum moralischen Bewusstsein viele Dinge eine große Rolle, die sich bislang im “Mein Opa/Papa war ein Held”-Werten verübrigt haben. Zwischen den Sinfonien von Schostakowitsch und diversen Geschichtlichen Dokumenten wird das Bild deutlich, doch jetzt schon sind Brücken nötig um das Ausmaß zu erkennen in welchen Formen und Feinheiten Faschismus weiter existiert.

Früher konnte ich den Tag feiern, in einer Faschismusfreien Welt zu leben. Heute fällt mir das Tag für Tag immer schwerer.

Aber irgendwie reden und schreiben wir auch oft über Geschichte, Begriffe oder darüber ob heute ein Tag zum Feiern oder Trauern ist oder was es für eine Bedeutung hat und vergessen dabei all zu oft um uns selbst herum zu schauen.

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